Putt-Angst geht um

Tigerline_Golf_Live_atAm letzten Meter zum Loch verstolpern Österreichs Tourpros zur Zeit den Erfolg. Die große Putt-Angst geht im heimischen Lager um: wäre intuitives Putten der Schlüssel?

Die Kärnten Golf Open der letzten zwei Jahre war überwiegend ein Putt-Wettbewerb: zu leicht ist der Golfclub Finkenstein für bekannt exzellente Ball-Striker wie Manuel Trappel, die Nemecz-Brüder, Leo Astl oder Jürgen Maurer, die erst bei Kälte und Dauerregen etwas besser ins Bild kamen. Vor allem am Eröffnungstag hatten die internationalen Gäste gnadenlose Birdieorgien hingelegt und mit ultratiefen Scores das Geschehen dominiert. Von 16 Österreichern am Start kam erneut keiner in die Nähe eines Topergebnisses.

Die Puttschwäche von Österreichs Pros sprang nicht nur ins Auge sondern war auch akustisch in Spieler-Statements zu vernehmen – in der Bandbreite von leichtem Ärger bis purer Verzweiflung. Während Nationaltrainer Fred Jendelid Defizite bei der Putt-Technik selbst diagnostiziert, fiel mir die kollektive Unsicherheit am Grün auf: die Angst vor den Big Putts aus ein bis drei Metern, die letzten Umdrehungen des Balls, die zwischen Erfolg und Misserfolg am Leaderboard, Position in der Order of Merit, Weltranglistenpunkten und dem Kontostand des Pros entscheiden – und fast noch wichtiger: über das Selbstbewusstsein beim Putten!

Was nicht zu übersehen war, besonders auf den Schlusslöchern: das übergewissenhafte, endlos wiederholte Lesen der Puttlinie. Sehen sie Break, Strich und Speed nicht auf Anhieb oder wollen sie auf Nummer Übersicher gehen? Letzteres ist der Fall, meinen die Spieler. So wird der anstehende Schicksals-Putt immer und immer wieder gelesen, bis die Verwirrung komplett ist und der Ball auch garantiert vorbei geht.

Intuitive, schnelle Entscheidungen, das propagieren Sportwissenschafter als Rezept: Professor Sian Beilock hat dazu bereits vor Jahren an der University of Chicago eines von mehreren bahnbrechenden Experimenten in dieser Richtung durchgeführt: sie lud Golfanfänger und gute Spieler zum Putten ein, jeweils mit beliebig langer Puttvorbereitung und in der zweiten Versuchsanordnung mit extrem strengem Zeitlimit von 3 Sekunden. Ungeübte Spieler profitierten von längerer Nachdenkfrist, die ihnen Gelegenheit gab, alle Faktoren zu berücksichtigen, während geübte Spieler besseren Erfolg mit kurzer Vorbereitungszeit hatten. “Gute Spieler waren am treffsichersten unter Zeitdruck. Hatten sie viel Zeit zum Nachdenken, versagten sie,” so Professor Beilock.

Den größeren Kontext dazu liefert der Deutsche Intuitionspapst Dr. Gerd Gigerenzer. Jeder Golfpro schöpft nach Zehntausenden Putts aus einem gigantischen Erfahrungsschatz, der das perfekte Einschätzen jeder Puttsitiuation innerhalb kürzester Zeit erlaubt: “Experten, die in einem Gebiet viel Wissen und Erfahrung angesammelt haben, können dem Ergebnis ihrer Intuition vertrauen,” lautet Gigerenzers Credo. Noch interessanter der Umkehrschluss: Misstrauen sie ihrer Intuition, indem sie das Bauchgefühl durch wiederholtes Überprüfen der Entscheidung in Frage stellen, versagen sie.

Besonders trifft dies laut Gigerenzer auf motorische Fähigkeiten zu, also im Spitzensport. Intuitives Putten bedeutet, dem Unterbewusstsein zu erlauben, aus dem eigenen unermesslichen Datenpool zu schöpfen und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen. Dann kann die eigentliche Putt-Routine beginnen und volle Konzentration darauf gelegt werden, den Putt-Stroke technisch sauber zu exekutieren.

Im Kern geht es am Grün darum, den Ball zu markieren, Pitchmarke ausbessern und die Situation selbst einmal zu ignorieren. Wenn Andere zuerst putten, kann die Zeit genutzt werden sich einfach nur zu sammeln und positiv auf die kommende Aufgabe einzustimmen. Erst wenn man selbst an der Reihe ist, kommt es zum Lesen der Puttsituation – genau einmal und sofortiger Entscheidung wie der Putt zu spielen ist. Unmittelbar danach setzt der gewohnte Ablauf der Putt-Routine ein. Verändert wird nur das Lesen und Entscheiden wie der Putt bezüglich Linie und Speed zu spielen ist.

Der Erfolg, den intuitiv und rasch getroffene Puttentscheidungen bringen, stärkt das Selbstvertrauen: Die Angst vor dem Big Putt weicht der Freude, wie sie gute Putter vor jedem Versuch empfinden, den Ball ins Loch zu befördern. Freude am Golfplatz führt zu besseren Ergebnissen, denen unsere Spieler außerhalb der Top 1000 der Weltrangliste bereits viel zu lange nachlaufen.

Von Joachim Widl

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