Bernd “Reloaded”

T.I.G.E.R.L.I.N.E. – Wie ist die spektakuläre sportliche Wiedergeburt des Bernd Wiesberger nach Karriereknick und Verletzungspause erklärbar? Da hat jemand die erzwungene Nachdenkpause genutzt.

Verletzungen sind oft eine Zäsur in Sportlerkarrieren, vor allem wenn der Körper zum ersten Mal nicht mehr “liefert” wie es zuvor komplett selbstverständlich war. Statt von Turnier zu Turnier zu jetten, dazwischen ein wenig Feintuning am Schwung zu betreiben, aber nie wirklich Zeit zum Reflektieren zu finden, ist man zur Untätigkeit gezwungen. Da bleibt viel Zeit zum Nachdenken, vor allem über die unangenehmen Themen wie Rückschläge, Stagnation samt dem nüchternen Ausblick, dass die Zeit gegen jeden Sportler arbeitet und ein erfolgreiches Comeback nicht so selbstverständlich ist. Auf einen Nenner gebracht: die Bereitschaft zu Veränderungen ist plötzlich deutlich größer als zuvor!

Wie es der Zufall so wollte, fiel ein großes Interview mit Bernd Wiesberger genau in die Zeit des Stillstands, ein halbes Jahr vor der Verletzungspause. Unsere Fragen auf vielleicht notwendige Veränderungen tat der damals 32-jährige unwirsch ab. Deutlich spürbar war sein Ärger über unsere Fragen nach der sportlichen Weiterentwicklung und zu neuen Impulsen. Im Frühjahr 2018, nach dem schmerzhaftesten Holz 3 seiner Karriere, bekam Bernd unfreiwillig 6 Monate Zeit zum Reflektieren, die er sichtlich zu seinem Vorteil nutzte.

Dass Bernd bei seinem Comeback neue Impulse setzen wollte, war spätestens angesichts der Präsentation von Jamie Lane als neuem Caddie und Performance-Coach Stuart Morgan klar. Mit dem Eisenspiel war Bernd rasch wieder voll im Saft, beim Putten dauerte es länger. Jamie Lane, der zuvor schon Matt Fitzpatrick zu einem besseren Putter machte, konnte Bernd erst nach über einem halben Jahr der Zusammenarbeit entscheidend weiterhelfen. So lange dauerte es um den Puttschnitt von 32 auf unter 30 Putts zu drücken und endlich wieder in Dänemark in einem Titelkampf mitzumischen.

Bernd präsentierte sich “Reloaded” in gleich dreifacher Hinsicht, was recht symbolträchtig zum dreifachen Titelgewinn 2019 führte.

1. Bernd hat ein besseres Gefühl und damit mehr Selbstvertrauen auf den Grüns und puttet somit besser.
2. Mit besserer Trainingssteuerung und Turniervorbereitung wachsen die Chancen im Turnier
3. Nach Tiefschlägen während der Runde interveniert Jamie Lane einfühlsam und goldrichtig und bringt Bernd mental wieder in bessere Spiellaune zurück, womit es wieder vorwärts geht. Den eigenen Mentalklempner, den Bernd immer schon abgelehnt hatte, fand er praktischerweise ohne Zusatzkosten im Taschenträger.

Diese drei Erfolgsfaktoren lassen sich auch aus den statistischen Daten der European Tour ablesen. Für einen dreifachen Saisonsieger sind diese Zahlen und besonders die Entwicklung der letzten 5 Jahre überraschend schwach, vor allem vom Tee! Sowohl bei den Fairwaytreffern (56%, Platz 121) als auch bei der Länge (270 Meter, Platz 70) ist Bernd bestenfalls durchschnittlich. In jungen Jahren 2009 bis 2013 war er noch meist 12 bis 15 Meter länger vom Tee als der Tourschnitt und bei den 10 Längsten der Tour, während er heute bei der Drivelänge keinen Vorteil mehr herausholt. Und das obwohl die Genauigkeit vom Tee auf deutlich unter 60% gesunken ist.

Auch über alle Aspekte zusammengefasst, was am Ende der Runde auf der Scorekarte stand, ist Bernd nicht mehr Top 10 der Tour, wie in den Jahren 2013, 2015 und 2016, sondern mit 70,5 Schlägen im guten Mittelfeld auf Position 38 zu finden.

Daher stellt sich die Frage: wie kommen trotz schlechterer Werte dennoch drei Titel und Platz 3 in der Jahreswertung zustande? Ganz einfach: Bernd hat dann voll zugeschlagen, wenn sich die Chance bot! 7 Mal spielte er heuer auf den letzten 9 Löchern eines Turnieres vorne mit – und gewann davon gleich drei Mal. Das beweist herausragende mentale Stärke, dass er eiskalt zuschlug, wenn sich die Chance bot.

Um das näher zu illustrieren, ein kleines Beispiel: Mike Lorenzo-Vera, so wie Bernd 34 Jahre jung und mit knapp 200 European Tour-Starts vergleichbar erfahren, schaffte es 20 Mal in die Top 10 und gewann kein einziges Mal. Bernd durfte sich dagegen bei 26 Top 10’s über 7 volle Erfolge freuen, also jedes vierte Mal zum Sieg marschiert. 2019 alleine betrachtet, hat er sogar fast jedes zweite Mal gewonnen, wenn er im Titelkampf involviert war, eine absolute Winner-Bilanz!

Oder anders gesagt: Bernd “wollte” im entscheidenden Moment mehr als seine Kontrahenten gewinnen – und das ist nach der Verletzung und den vielen Tiefschlägen mental auch verständlich. Das schlägt sich auch in ersten “großen Titeln” der Rolex Series nieder, die garantieren, dass er 2020 wieder mit den großen Buben mitspielen darf: bei allen Majors, WGCs und auch einer Handvoll Starts auf der PGA Tour.

Mit dem neuen Karriere-Hoch steigen aber auch automatisch die Ansprüche. Von einem zweifachen Rolex-Champion darf man erwarten, auch bei Majors und in Amerika endlich erste Top 10s zu stemmen und es als Top 25-Spieler der Welt erstmals in eine Ryder Cup-Auswahl zu schaffen. Noch dazu wo Bernd in der Weltrangliste aktuell als achtbester Europäer geführt wird. Konnte Bernd 2019 beim Comeback nur positiv überraschen, so erwarten die Fans 2020 ähnlich gute Ergebnisse bei Ryder Cup-Quali, Olympia, Majors, WGCs und auf der PGA Tour.

Die Konkurrenz im eigenen Lager könnte zusätzlich anstacheln, da die Nummer 1-Position in der Alpenrepublik auch nicht mehr so selbstverständlich ist. Matthias Schwab schnitt 2019 bei 15 Turnieren besser ab als Bernd, der selbst Matthias nur 8 Mal hinter sich ließ! Auch bei den Top 10s stand es 10 zu 7 zugunsten des Schladmingers. Und in Amerika überstrahlte Sepp Straka als erster Österreicher mit US Tourkarte den Burgenländer ebenfalls, vor allem auch bei der US Open, bei der Sepp seinen prominenten Landsmann deutlich in den Schatten stellte. Ryder Cup, Majors, Olympia, das sind die Bühnen wo die Fans in Zukunft hoffen dürfen, dass Bernd Wiesberger seiner Position entsprechend liefern wird.

von Joachim Widl

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